Harro Harring Gesellschaft
 

Auszüge aus Gedichten

In seinem Buch „Memoiren über Polen unter russischer Herrschaft“, das Harring 1831 bei Reclam publizierte, gab er ein vernichtendes Urteil über die Zustände in dem geknechteten Land ab, das sich wenige Monate nach seiner Abreise gegen den Zaren erhob. Die Einleitung zu diesem Werk ist in Versen abgefasst. Einige Zeilen hören sich fast wie eine visionäre Vorwegnahme der Naziherrschaft in Deutschland hundert Jahre später an:

    Ich sah das Land

    Ich sah das Land, das wachsende, der Knechte,
    Wo Tyrannei in schnöder Willkür wühlt
    Wo zur Entwürdigung der heil’gen Rechte
    Der Großen Plan auf innern Tod nur zielt –
    Ja, wo zur Schmach dem göttlichen Geschlechte
    Der Mensch um seine Brüder Karten spielt.
    Nicht Sklave mehr; entseelt ist zur Maschine
    Der Mensch, dass er der wilden Laune diene.

    Ich sah die Schurken groß in Fürstensälen
    Und Ehrenmänner unter Sklaven darben,
    Sah Privilegien, ausgetheilt zum Stehlen,
    Und die sich Reichthum durch Betrug erwarben
    Tyrannisch die gekauften Seelen quälen!
    Und Männer, stolz an Ruhm und reich an Narben,
    Sah ich vor einem Knaben stumm – erbeben;
    Ein Wink – und in Verbannung stürb’ ihr Leben.

    Die schon zum Pranger reif in andern Ländern,
    Gebrandmarkt durch verächtlichen Verrath,
    Sah ich geschmückt mit Ordenssternen und Bändern
    Und ihnen anvertraut die Macht im Staat!
    Mit feilen Kupplern, frechen Ehrenschändern
    Sah ich gewürzt den großen Reichs-Salat;
    Daß Satan selbst mit Abscheu das Gericht
    Wild von sich stößt und ruft: ich mag es nicht.

    Und wo – wo liegt das Land? Doch nicht auf Erden?
    Wer weiß? – Ich sah’s in einem schweren Traume.
    Doch kann dein Vaterland ein solches werden,
    wenn einst zur Frucht gereift die Blüth’ am Baume
    Der Zeit. Schon deuten vielfach die Gebärden
    Der Gegenwart dahin; - sie wirkt am Zaume
    Der Zukunft, den gar schöne Perlen zieren –
    Drum – wer nicht wach ist, wird sich selbst verlieren.


    Der Bundestag

    In Frankfurt, da sitzt der deutsche Bund
    Und macht Verbote auf Verbote kund!

    Das wird dem deutschen Bund recht schwer –
    Denn er findet gar wenig zu verbieten mehr.

    Drum stöbert er emsig in jedem Mist,
    Wenn nur irgend was drin zu verbieten ist.

    Und nächstens wird er mächtig schrei’n:
    Es darf in den Straßen kein Pflaster sein!

    Denn so lang’ das Volk auf’m Pflaster geht;
    Eine Waff’ ihm noch zu Gebote steht.

    Ein gefährlich’ Ding; - so’n Pflasterstein!
    Drum muß das Pflaster verboten sein!

    Der Bundestag fürchtet sich sehr vor’m Tod,
    Drum arbeitet er – an dem Pflaster-Verbot.
"Der Bundestag" erschien 1835 in dem Gedichtband "Die Möwe". Harrings darin ebenfalls veröffentlichtes Gedicht "33 - 34“, dessen Titel auf die Anzahl der deutschen Fürsten anspielte, sprach offen aus, dass die Willkürherrscher beim Sieg der Volkserhebung nichts anderes als ihre Hinrichtung zu erwarten hätten. Einige Strophen lauten:

    33 – 34!

    Drei und Dreißig – Vier und Dreißig !
    Seid auf euren Kopf bedacht,
    Wenn das Volk einst, grimm und beißig,
    Der Geduld ein Ende macht!

    Habt dem Volke viel versprochen ;
    Habt dem Volke viel gelobt,
    Als Gefahr, durch Sturm von Außen,
    Euren morschen Thron umtobt –

    Habt gelobt dem deutschen Volke :
    Freiheit, Unabhängigkeit !
    Und der Welt zum Spott geworden,
    Seufzt das Volk seit jener Zeit !

    Habt gelobt in Angst und Nöthen;
    Alles was dem Volk’ gehört,
    Das für euch sein Blut vergossen!
    Und ihr habt ihm nichts gewährt.

    Freies Wort und freie Rede,
    Davor fürchtet ihr euch sehr ;
    Denn das Wort, in solcher Fehde,
    Wäre schon Entscheidungs=Wehr !

    Seid des Meineids überwiesen,
    Und des schnöden Hochverraths –
    Tretet frech das Volk mit Füßen,
    Wähnt, ihr seid das All’ des Staats !

    Doch ihr kennt am allerbesten
    Eure Stellung – die Gefahr!
    Wollt an Schweiß und Blut euch mästen,
    Weil euch eure Zukunft klar !

    Wißt gar wohl, ihr werdet fallen ;
    Darum braucht ihr noch – Gewalt !
    Wißt gar wohl, es wird euch Allen
    Der Verrath durch Blut bezahlt.

    Darum zittert ihr so feige,
    Habt zur Stütze nicht das Recht ;
    Zittert, daß sich rächend zeige
    Ein erbittert’ deutsch’ Geschlecht!

    Drei und Dreißig – Vier und Dreißig !
    Seid auf euren Kopf bedacht,
    Wenn das Volk einst, grimm und beißig,
    Der Geduld ein Ende macht.