Harro Harring Gesellschaft
 
 

Harro Harring als Maler [Seite 1] [Seite 2]


Der giftige Pinsel
Im Gegensatz zum Klassizisten Debret, der von König Joao VI. als Hofmaler berufen war, um einen bunten Hofstaat zu porträtieren, der dem süßen Leben frönte und der sozialen Frage nicht viel Beachtung schenkte, war Harro Harring ein engagierter Erzähler, dessen giftiger Pinsel sich der Sache der Abschaffung der Sklaverei verschrieben hatte. Debret erlaubte sich trotz seiner Sympathie für die Schwarzen, die er malte, nur eine sorgfältig einstudierte, ironische Haltung gegenüber den Sklavenhalterregime.

Harro Harring war sein genaues Gegenteil. Das Ziel dieses Dänen, der sein Leben lang malte und sich in die politischen Kämpfe in ganz Europa stürzte, bestand weniger darin, Kunst zu produzieren, als die Rohheit der Sklaverei anzuprangern. Unabhängig von den Tugenden der Sache, der er sich hingab, war Harro Harring jedoch auch ein guter Künstler. Deshalb, und nicht wegen seines Engagements, hat dies Werk die Zeit überdauert. Seine Bilder der Landschaft und der Menschen Rio de Janeiros sind eine nächtliche, entstellende Chronik voll dunkler Farbtöne vom bleichen Blau bis zum Schwarz. Eines seiner beeindruckendsten Aquarelle heisst „Inspizierung von soeben aus Afrika angekommenen Negerinnen“. In der Mitte bildet eine Gruppe von drei aneinander gefesselten schwarzen Sklavinnen einen festen Block. Mit nackten Brüsten und rollenden Augen sind sie das Abbild des wehrlosen erniedrigten und beleidigten Opfers. Um sie herum überprüfen zwei weiße Männer und Frauen mit einem Gesichtsausdruck und einer Haltung voller Niedertracht die Qualität der menschlichen ‚Ware‘.


Auswahl von Sklavinnen für die Bordelle von Rio de Janeiro

Farben nutzt Harro Harring für seine Anklage mit Talent und Sparsamkeit. Die Schwarzen, bläulich wie Engel, werden in ihrem Schmerz selig gesprochen. Die weißen Bösewichter indessen sind bleich. Auf diese Weise bringt Harro Harring den Zuschauer dazu, die schwarze Farbe mit der Tugend und das Weiß mit dem fehlenden Charakter zu identifizieren.

Beleidigung
Hätte er im zwanzigsten Jahrhundert gelebt, wäre Harro Harring sicherlich ein Maler des Expressionismus gewesen. Er hätte sich der künstlerischen ‚Familie‘ angeschlossen, der auch der brasilianische Illustrator Osvaldo Goeldi (1865-1961) angehörte. Wie Goeldi hatte Harro Harring eine künstlerische Ausbildung deutscher Prägung hinter sich. Seine Arbeit läßt eine bemerkenswerte technische Sorgfalt erkennen. Und als ob die Kraft der Bilder nicht genügte, um Herzen und Köpfe für die Sache der Abschaffung der Sklaverei zu gewinnen, trug der Maler auch in seinen Wortberichten dick auf. Das Wort hat der Reporter Harro Harring: „Alles war neu für mich und diente dazu, einige Züge jener unterdrückten Rasse zu enthüllen, welche mich mit Überraschung und Schrecken erfüllten. Das harte Schicksal des schwarzen Volkes, ständig der extremen Beleidigung und der Erniedrigung durch die Weißen ausgesetzt zu sein, verfolgte mich“, schrieb er in der Zeitung, für die er arbeitete.


Misshandlung einer Sklavin, die des Diebstahls beschuldigt ist

In seiner Jugend verließ er den Ort seiner Geburt, den Ibenshof, der heute zu Deutschland gehört, um in Dresden Kunst zu studieren. Dort sog er romantische Malerei von Künstlern wie Caspar David Friedrich in sich auf, einer der größten Namen der deutschen Kunst in der Romantik. In gewisser Weise und besonders was seine Liebe zu runden Linien angeht, ist Harro Harrings Arbeit auch vom Werk des Engländers William Hogarth (1697-1764) beeinflusst worden, der in seiner Zeit ein glühender Verfechter der sozialkritischen Malerei war.

Wenn er nicht malte, mischte sich Harro Harring in die Politik ein. 1820 ging er nach Wien, wo er sich für die nationalen Freiheitsbestrebungen einsetzte, die ganz Europa erschütterten. Begeistert vom Aufstand der Griechen schloss er sich der Philhellenischen Legion im Kampf gegen die Türken an, die damals Griechenland besetzt hatten. Später, im Jahre 1828, meldete Harro Harring sich als Freiwilliger zur russischen Armee, in der er als Leutnant diente. Dann kehrte er nach Deutschland zurück, wo er eine Reihe revolutionärer Schriften verfasste. 1839 ging er nach London. Dort erhielt er den Auftrag nach Brasilien zu reisen, um die Sklaven zu malen und über sie zu schreiben. Zurück in Europa setzte er seine revolutionären Umtriebe fort. Am Ende seines Lebens war er einsam und deprimiert und beging 1870 Selbstmord.